Vom Leben als Kunstwerk

Es gibt keine Kunst mehr, wo alle Künstler sind“, hatten die französischen Situationisten geschrieben, “Das kommende Kunstwerk ist die Konstruktion eines leidenschaftlichen Lebens.“

Also sollte es bei der künstlerischen Arbeit nicht mehr länger um das Schaffen des Einzelnen gehen, um das individuelle Genie, die Person und Persönlichkeit des Künstlers in seiner Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten- und Formen, einer eigenen Bildsprache, sondern letztendlich um die Aufhebung der Kunst und um ihre Verschmelzung mit dem Leben.

So jedenfalls hatte ich die Texte der Situationistischen Internationale gedeutet, die Michael mir geliehen hatte, und er, Michael hatte im Verlaufe unseres anschließenden Gespräches darüber dazu genickt und mich gleichzeitig mit der Zufriedenheit eines Lehrers betrachtet, der den ersten aber elementaren Schritt eines Schülers hin zum wirklichen Begreifen registriert: „So ist es.“

Und was ist dann mit den ganzen Leuten, die jetzt immer noch Bücher schreiben oder Bilder malen? “, hatte ich ihn noch zweifelnd gefragt.

Michael aber, der seinerzeit selber noch an der Kunsthochschule studiert hatte, hatte daraufhin nur mit den Achseln gezuckt: „Die haben ganz einfach nicht nachgedacht.“

Ich selbst hatte mich gerade damals zu fragen begonnen, inwieweit ich mich bei meinen eigenen künstlerischen Versuchen bislang womöglich nur die ganze Zeit über im Kreis gedreht hatte.

Denn bei meinen wechselnden Vorhaben und Unternehmungen hatte ich mich verwirrender Weise gleichermaßen zur Literatur hingezogen gefühlt, zur Musik und zur Malerei.

Und so hatte ich nacheinander in all diesen Feldern zu experimentieren begonnen, ohne mich dabei jedoch festzulegen und entscheiden zu können, ohne eine klare und alle anderen Optionen ausschließende Neigung hin zu einem davon in mir feststellen zu können, eine eindeutige, vielleicht einzigartige Begabung . . .

Insofern hatten mich die Gewissheit, mit der Michael und die anderen Leute innerhalb seiner kleinen Gruppe jene These vertraten, sicher an einem Punkt in meinem Leben getroffen, am dem ich selber im gleichen Maß unentschieden gewesen war und zugleich offen und zugänglich für alles Neue.

Doch es war, denke ich, nicht nur das: meine eigene Unschlüssigkeit, jener Zustand der Stagnation, in dem ich mich selber sah, die mich hierfür empfänglich gemacht hatten, sondern mehr als das, denke ich, die Idee, jener Sog, jene Faszination, die für mich davon ausging.

Das Leben selbst also, sein gesamtes komplexes Geschehen und Beziehungsgeflecht, sollte Kunst werden, irgendwann einmal Kunst sein, all die Situationen, Räume, Dinge des Alltags: Eine Vorstellung, ein Gedanke, der für mich mit einem Mal eine völlige Klarheit gewann, und der unbegreiflicher Weise, wie ich damals empfand, bislang allenfalls ansatzweise aufgegriffen und in der Realität umgesetzt worden war . . .

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Ein Kommentar

  1. Erstellt am 3. Oktober 2009 um 02:08 | Permanent-Link

    In meinem Studium habe ich über die SI referieren müssen. Es war ein harter Kampf. Die Texte und Aussagen sind zwiespältig und verschleiert. Vieles wirkt weltfremd und albern — aber auf eine Art dann doch wieder total durchdacht und konsequent. Genau dein Gedankengang kreiselt (nicht seit dem Referat, aber) in der letzten Zeit, vermehrt durch meine Rübe. Auch der Wechsel zwischen verschiedensten kreativen Feldern ist mir nur allzu gut bekannt.

    Ich würde dennoch nicht so weit gehen und alle alten Ausdrucksformen als in sich selbst ad absurdum geführt betrachten. Auch wenn die Kollektivierung vielleicht eine solche Überlegung nahe legt. Ganz im Gegenteil: Bücher schreiben, Bilder malen, all das ist Teil der Zyklen, die wir als Leben begreifen. Denn wir können alles, nur unseren Geist nicht verlassen bzw. in einen anderen schlüpfen und so bleibt uns nichts anderes übrig als anderen Wege zu finden uns selbst als begreifbar darzustellen. Jedes Medium beginnt ja nur im Kopf des Autoren, aber endet noch lange nicht im Kopf des Empfängers. Diese netzartige Struktur der Kommunikation findet sich zum Beispiel auch in unserem Gehirn selbst.

    Gedanken entstehen, werden weiter getragen, verbreitet und vergehen dann auch wieder. Auch Beuys hat gesagt, dass jeder Mensch ein Künstler sein kann. Was er meinte ist doch, dass jeder Mensch eine gewisse kreative Ader auf einem ihm ureigenen Gebiet hat. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Dennoch bedarf es gewisser Impulse, diesen schöpferischen, innovativen Geist freizulegen. Das dies an sich der Kern der Kunst ist will ich gar nicht bestreiten, aber dennoch kein Grund die Experimente in den unterschiedlichen Feldern aufzugeben — ganz und gar nicht! Denn unterschiedliche Parameter aus verschiedenen Disziplinen zusammenzubringen ist schließlich der Funke, der diesen Geist entfacht.

    Wirklich empfehlen kann ich Dir »Vilem Flusser – Die Schrift«.
    Ich habe es vor ein paar Wochen gelesen und war erstaunt wie präzise dieser Kerl viele der Entwicklungen der letzten zwei, drei Jahre schon in den 80ern vorausgesagt hat.

    Eine geruhsame Nacht.

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