1984

Es ist seltsam in einem Zukunftsroman zu lesen, der bereits von der Zeit überholt worden ist. Denn das Buch, das man vor sich hat, die Geschichte darin ist zugleich Utopie und Vision und gehört doch bereits der Vergangenheit an.

Wir hatten in jener Nacht von Silvester auf Neujahr das Jahr 1984 erreicht und es hatte keinen Großen Bruder gegeben, der uns überall von Plakaten und Bildschirmen aus anblickte, wie in Orwells berühmter Fiktion, keine Videokameras, die in jeder Wohnung unser Leben überwachten, keine tägliche Zwei-Minuten-Hassendung im Fernsehen.

Doch es gab nach wie vor einen Kalten Krieg zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion und den jeweils von ihnen dominierten militärischen und politischen Bündnissen, der in den Ländern der Peripherie und der dritten Welt teils offen und teils im Verborgenen geführt wurde, in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Im Osten Deutschlands hatte ein Ministerium für Staatssicherheit versucht, die politischen Überzeugungen und Äußerungen jedes Einzelnen dort im Auge zu behalten und mithilfe eines unsichtbaren und quasi allgegenwärtigen Netzes informeller Mitarbeiter zu kontrollieren.

Im Westen hatten sich polizeilicher Staatsschutz und Verfassungsschutz dagegen auf die Überwachung einer kritischen Minderheit innerhalb der Gesellschaft konzentriert und dabei unter anderem Anhänger und Mitglieder linksgerichteter Parteien und Gruppierungen beobachtet, Hausbesetzer, Umweltaktivisten, Pazifisten und Atomkraftgegner. . .

Ein paar Jahre zuvor bereits hatte ein Deutscher Herbst mit Rasterfahndungen und Hochsicherheitstrakten, mit Berufsverboten und einem Paragraph 129a das politische und gesellschaftliche Klima im Lande spürbar verschärft.

Und nach den Toten von Stammheim waren es mit Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar nunmehr zwei Personen gewesen, zwei Gesichter, die von jetzt an quasi stellverstretend für die gesamte Rote Armee Fraktion das Feindbild der offenen Gesellschaft und ihrer politischen Ordnung zu verkörpern schienen.

Anders als Emmanuel Goldstein in Orwells Roman jedoch hatten diese beiden im wirklichen, nun begonnenen Jahr 1984 nicht verborgen im Untergrund gelebt, sondern sich in Haft befunden und waren dort, als Gefangene, Teil einer Legende geworden.

Diese war in der Folgezeit von beiden Seiten, Gegnern wie Unterstützern der RAF, für ihre jeweiligen politischen Zwecke und Ziele verwandt worden.

Doch der Ausgangspunkt jenes späteren Mythos hatte nicht zuletzt in der Form der Berichterstattung in den Medien gelegen: einer suggestiv eingesetzten Sprache und Bildsprache, einer wohldosierten Mischung aus Andeutungen, Schweigen, Erzählen.

Und in einer erstaunlichen Dialektik und Umkehrung des Geschehenen sollten eben jene Zeitungen, jene Medien, die sie seinerzeit erst zu negativen Ikonen stilisiert und gemacht hatten, Jahre später mit der gleichen Vehemenz eine Entmythologisierung der RAF in der Öffentlichkeit fordern.  . .

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Ein Kommentar

  1. Apop Fan
    Erstellt am 22. Juni 2010 um 01:32 | Permanent-Link

    1984 is NOW!

    (Apoptygma Berzerk, Rocket Science)

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