Der Morgen danach Letzter Teil

Etwas war geschehen, hatte uns zugleich neu und tiefer miteinander verbunden als zuvor. Das Geheimnis jener hinter uns liegenden und gemeinsam verbrachten Nacht hatte uns zu Vertrauten gemacht, zu Verbündeten, zu Verschwörern. . .

Jener Sog, jene Spannung und Anziehungskraft aber die von Carolin für mich ausgegangen war, hatte sich, wie mir schien, gleichermaßen bestätigt und als Irrtum erwiesen.

Wir waren Freunde, so glaubte ich nun zu erkennen, keine Liebenden. Und war das nicht am Ende viel mehr?

Heute, während ich an meine Zeit mit Carolin und dabei an die zahlreichen kleinen und großen Katastrophen, die sich darin ereigneten, zurück denke, an die Abschiede und vorübergehenden Trennungen, aber auch an die Augenblicke des Glücks, wundere ich mich mitunter, warum unsere Geschichte, die doch unweigerlich hatte zueinander führen müssen, damals erst einmal noch diesen Umweg genommen hatte.

Doch in der Wirklichkeit, im Leben ist die kürzeste Entfernung und Verbindung zwischen zwei Menschen nicht immer die Gerade und womöglich konnte sich jene spätere Liebesgeschichte, so denke ich jetzt, gerade in jener Unverfänglichkeit und im Schatten und Schutz der Freundschaft erst entwickeln.

Vielleicht konnte sie überhaupt erst beginnen, als niemand, weder Carolin, noch ich selbst, mehr daran gedacht und geglaubt hatte. Und vielleicht, wie ich ebenfalls manchmal denke, auch erst dann, als es eigentlich schon unmöglich geworden war. Doch auch dies soll an späterer Stelle erzählt werden. . .

Nach dieser Nacht, diesem Morgen in Carolins Wohnung aber hatte ich zunächst fest geglaubt, dass die Dinge sich zwischen uns nun geklärt hätten. Wir waren Freunde.

Und als wollte sie jenes neu entstandene Band zwischen uns zugleich auch in symbolischer Form besiegeln, hatte Carolin, noch bevor ich gegangen war, ihren Pullover, der weit und groß genug gewesen war, um auch mir zu passen, abgestreift: „Sag mal, willst du nicht meinen Pullover anziehen und ich deinen?“

So war ich, müde und zerschlagen von der Nacht, von den wenigen Stunden Schlaf und im Inneren zugleich aufgewühlt und voller Gedanken, durch den angefangenen Tag draußen nach Hause gelaufen: den Pullover von Carolin auf meiner Haut, der noch voll ihrer Gegenwart gewesen war.

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Ein Kommentar

  1. Erstellt am 22. Juni 2009 um 14:47 | Permanent-Link

    Wow. Seit langem habe ich bei einer Geschichte wieder Gänsehaut verspürt.
    Eine wirklich rührende Geschichte, sehr athmosphärisch erzählt.

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