Waschsalon

Waschsalons oder Bushaltestellen, Warteschlangen in Supermärkten, Straßenbahnen oder U-Bahnwaggons, in denen Menschen sich gegenüber sitzen, gehören zu den möglichen Orten zufälliger Begegnungen im Alltag großer Städte. Und als solche zugleich in unsere kollektive Phantasie von romantischer Liebe.

Denn erstaunlicher Weise sind wir eher bereit, in der zufälligen Begegnung zweier Menschen etwas Schicksalhafteres zu erkennen, als in der vielleicht zu erwarten gewesenen. Und im gleichen Maß erscheint uns das Voraussehbare und das Naheliegende als Zufall.

So mag uns die Begegnung mit einem fremden Menschen während einer Bahnfahrt, aus der späterhin eine Freundschaft oder Liebesgeschichte entsteht, als etwas quasi Vorbestimmtes und unvermeidbar gewesenes erscheinen, so als wäre unser ganzes bisheriges Leben nur auf diesen einen Moment zugelaufen.

Zugleich jedoch erscheint uns das Kennenlernen eines Freundes oder einer Freundin eines uns bekannten Menschen, aus dem vielleicht ebenfalls eine Liebesbeziehung erwachsen mag, nur auf Zufall zu beruhen und allein durch diesen Freund oder Bekannten von uns vermittelt und entstanden zu sein. . .

Waschsalons sind Teil der Legendenbildung und des urbanen Mythos, auch wenn die wirklichen Begegnungen dort zumeist flüchtig sind und die Kürze des Aufenthalts dort nur in ganz seltenen Fällen überdauern.

Der Waschsalon ist jedoch nicht allein Ort unser Alltagsphantasien und Sehnsüchte sondern zugleich auch realer Handlungen, Situationen und des zwischenmenschlichen Geschehens in seinen vielfältigen Formen und Facetten.

Ort der Hilfsbereitschaft: Kann ich helfen? Nein der Automat nimmt zur Zeit keine Geldscheine an, sehen Sie, wenn das rote Licht brennt, heißt das . . .
Ort der Anteilnahme: Geht die Maschine nicht? Ist mir neulich auch schon passiert. . .
Ort kleiner Egoismen: So, ich schnapp mir den Korb, bevor der sich den einfach nimmt. . .

Und auch Ort, an dem Anonymität und Intimität sich auf unvergleichbare Art und Weise miteinander vermischen, Öffentliches und Privates. Denn wo sonst sehe ich, welche Handtücher, welche Bettbezüge meine Mitmenschen zu Hause benutzen, welche Wäsche sie unter ihrer Kleidung tragen?

Er ist Schauplatz und Bühne, Raum des Öffentlichen, in dem manches zu Tage tritt, sichtbar wird, was im sonstigen Leben verborgen bleibt und für uns nur erahnbar: Sorgfalt, Ungeschick, Planhaftigkeit und Zerstreutheit, Pedanterie oder Nachlässigkeit, kleine Angewohnheiten, Rituale und Ticks. . .

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Ein Kommentar

  1. Erstellt am 6. Februar 2010 um 01:08 | Permanent-Link

    gefällt mir, könnten wir diesen artikel in unseren Blog http://www.waschsalons.at veröffentlichen.

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