Waschsalon Teil 2

Früher, also in jener weit zurück liegenden Zeit, von der ich bereits am Beginn der Geschichte zu erzählen begonnen hatte, um dann zu anderen Dingen zu kommen. . .

Früher also gab es noch einen eigenen Waschsalon in unserem Kiez, in der Oppelner Straße, einer Seitenstraße, die vom U-Bahnhof Schlesisches Tor auf die Wrangelstraße führt, diese kreuzt, auf die Görlitzer Straße zu läuft und an dieser dann endet.

Heute befindet sich an der gleichen Stelle, an der sich der Waschsalon damals befand, die Getränkeoase, ein Getränkemarkt, in dem sich neben Anwohnern aus der Nachbarschaft jetzt zur Sommerzeit die vorbeikommenden Scharen von Menschen auf dem Weg in den Görlitzer Park mit Getränken versorgen, sofern sie dies nicht bereits zuvor bei Shisha getan haben.

Seinerzeit aber brauchte ich nur das kurze Stück von zu Hause bis dorthin zu laufen, trug ich allwöchentlich meine Wäsche dorthin: immer ungewiss, in welchem Zustand und wie sauber, wie trocken oder nass, eingelaufen, verfärbt oder unversehrt sie am Ende des Waschganges wieder daraus hervorgehen würde.

Oftmals war ich mit einem Fehlbestand an Wäsche von dort zurückgekehrt, einem einzelnen Strumpf, dessen Gegenstück gegen alle Vernunft und Naturgesetze irgendwo auf dem Weg zwischen Waschen, Schleudern und Trocknen auf rätselhafte Weise verloren gegangen war.

Manchmal aber auch hatte sich genau umgekehrt auf genauso verwirrende Art und Weise ein fremdes Wäschestück zwischen meine Sachen verirrt, was zumindest in einem Falle später einmal zu einem Missverständnis geführt hatte . . .

Doch das rätselhafte Verschwinden mancher Wäschestücke und der immer ein wenig ungewisse Erfolg des Waschvorgangs selbst waren seinerzeit kaum der Grund gewesen für die spätere Schließung des Waschsalons.

Deren Ursache dürfte vielmehr in der Tatsache gelegen haben, dass im Laufe der Jahre und der langsam voranschreitenden Modernisierung der Häuser nicht alleine die Wohnungen im Wrangelkiez nach und nach mit Zentralheizungen, Badewannen und Duschen ausgestattet worden waren, sondern sich zugleich immer mehr Menschen, die dort lebten, eine eigene Waschmaschine angeschafft hatten.

Mit dem zunehmenden Ausbleiben von Kunden aber war der Waschsalon insbesondere in den Wintermonaten in steigendem Maße zu einer Zuflucht der Obdachlosen geworden, die von ihrer Unterkunft in der Schlesischen Straße aus tagsüber hierher wanderten oder aber auf die Öffnung der Suppenküche im nahe gelegenen Stift warteten und sich dort in der Zwischenzeit vor der Kälte schützten.

Dann kam es mitunter vor, dass es in seinem Inneren so voll gewesen war, dass es unmöglich gewesen war, einen freien Platz auf einer der Holzbänke zu finden zwischen all jenen wartenden, sitzenden oder liegenden Menschen, die mich neugierig und verwundert betrachteten, wenn ich selbst dort herein kam und eine der verwaisten Waschmaschinen mit Wäsche zu füllen begann. . .

Dieses ungewohnte Szenario aber wird dem einen oder anderen noch verbliebenen potentiellen Besucher Grund und Anlass gewesen sein, seine Wäsche künftig an einem anderem Orte zu waschen.

So mag die irgendwann unvermeidbar gewesene Schließung des Waschsalons am Ende beides zugleich gewesen sein: eine Folge des zunehmenden Wohlstandes und des sozialen Aufstiegs der Einen und des sozialen Abstiegs der Anderen. . .

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2 Kommentare

  1. Erstellt am 5. August 2009 um 01:05 | Permanent-Link

    Dieser Waschsalon in der Oppelner Straße wurde zuletzt (etwa 3 Jahre) von meinem Onkel betrieben. Und der Grund für seine Schließung waren nicht die Obdachlosen, sonder ein Vorfall, der damals sogar durch die Presse ging. Eine polnische Frau - hochschwanger - hatte im vollen Salon (Samstag Vormittag!) eine lautstarke Auseinandersetzung mit ihrem Begleiter. Wie mein Onkel erzählte kam es zu Handgreiflichkeiten. Einer der Obdachlosen, der der Frau zur Seite sprang, wurde niedergeschlagen! Und die Frau - wohl schockiert von der Brutalität ihres Begleiters - schrie minutenlang und hatte schließlich eine Sturzgeburt! Im Waschsalon! Mein Onkel hatte dann von dem Stress die “Schnauze voll”. Er machte den Laden dicht und lebte noch ein Jahr (bis zu seinem Tod) als Kioskbesitzer in Bochum.

  2. Erstellt am 7. August 2009 um 11:18 | Permanent-Link

    So, so. . .

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