Waschsalon Teil 6

Anders als mein früherer Waschsalon war der Waschsalon in der Wiener Straße an den meisten Tagen gut besucht gewesen, sodass es nicht selten vorkam, dass ich mit meiner Wäsche dort warten musste, bis schließlich eine der Maschinen oder Schleudern dort frei wurde.

Türkischstämmige Frauen kamen mit ihren Kindern und mit großen voll gepackten Taschen und Körben voll Wäsche, Studenten lasen Zeitungen oder Bücher.

Ältere Damen glätteten ihre frisch gewaschenen Laken und Bezüge in der Wäschemangel, für deren Betrieb zuvor ebenfalls erst eine Polette gezogen werden musste, und legten ihre sauber gefalteten Wäschestücke sorgfältig aufeinander.

Punks saßen in Unterhosen und Stiefeln auf den Holzbänken während ihre Wäsche sich in der Waschmaschine vor ihnen drehte. . .

Ich erinnere mich im Nachhinein kaum mehr an einzelne Tage, an bestimmte Momente und Situationen dort. Ein Ereignis jedoch ist mir deutlich im Gedächtnis geblieben.

Es muss 89 gewesen sein oder möglicherweise auch ein Jahr später, im Verlauf jedenfalls einer jener zahlreichen kleinen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, die es damals häufig noch am Anschluss an die Revolutionäre 1. Mai Demonstration in Kreuzberg in den nachfolgenden Tagen gegeben hatte.

Diese Nachbeben des 1. Mais hatten mitunter einen heftigen und stürmischen Verlauf genommen. Manchmal aber hatte es sich dabei auch nur um ein eher unbedeutendes Geplänkel gehandelt.

Von meinem Platz auf der Bank aus hatte ich durch das Fenster des Waschsalons einen einzelnen Mann auf der Straße beobachtet, der, offenbar mit dem Ziel Material für den Bau einer Barrikade zu gewinnen, dort versucht hatte, mit bloßen Händen einen auf dem Bürgersteig stehenden grauen Stromkasten aus seiner Verankerung heraus zu reißen: Ein von vorne herein völlig hoffnungsloses Unterfangen.

Dies hatte irgendwann, wenn auch spät und mit einiger Verzögerung erst, auch jener Mann eingesehen, der sich nach ein Weile vergeblicher Anstrengung zu guter Letzt ratlos um geblickt hatte.

Kurz darauf war der Mann durch die Tür in den Waschsalon getreten, wo er sich, etwas atemlos noch, mit leuchtendem Blick und begeisterter Miene an das Publikum drinnen wandte: „Sagt mal, wollen wir nicht alle zusammen jetzt rausgehen und Widerstand leisten?“

Während die übrigen Anwesenden im Raum dazu schwiegen, hatte ich seinen Blick erwidert und ihm zugenickt, mit der Hand aber auf meine laufende Waschmaschine gedeutet und dazu mit den Achseln gezuckt und erklärt, meine Wäsche sei noch nicht fertig.

Dieser Einwand indes hatte ihm, wie es schien, sogleich eingeleuchtet.

So war er ebenso unversehens und schnell schon im nächsten Moment wieder nach draußen geeilt.

Wenig später aber hatte ich gesehen, wie er statt des Stromkastens nunmehr einen anderen Gegenstand entdeckt hatte, um den Bau jener Barrikade zu beginnen: einen Pappkarton, den er in seinen Armen trug und den er auf der Mitte der Straße platzierte, als Barriere und Wall gegen die unter Blaulicht und Sirenen nahende in Mercedes-Transportern heran rollende Polizeimacht. . .

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Ein Kommentar

  1. Erstellt am 26. August 2009 um 12:38 | Permanent-Link

    Vermutlich hätte man den Mann darauf hinweisen sollen, dass Pappe nicht besonders stabil ist … :-)

    Grüße

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