Waschsalon Teil 9

Mein Weg zum Waschsalon führte mich also fortan einmal in der Woche bis nach Neukölln: ein Umstand, den auch Martin, dem ich davon erzählte, damals nur mit einem Kopfschütteln quittiert hatte.

„Hm. Gibt es da denn nicht noch eine andere Lösung? Ich meine, gibts nicht irgendwo noch was anderes hier in der Nähe?“
„Nein, soweit ich weiß nicht“, hatte ich ihm geantwortet. “Erst am Mehringdamm wieder.“
„Am Mehringdamm- das ist schlecht und auf Dauer kein Zustand. Vielleicht solltest du dir ja doch nochmal überlegen, dir vielleicht eine andere Wohnung zu nehmen und dir dann endlich auch einmal eine eigene Waschmaschine zuzulegen. Ich mein ja nur, so als Tipp. . .“

Der neue Waschsalon aber hatte sich in der Reuterstraße befunden, nicht weit vom Reuterplatz entfernt, in jener Gegend zwischen Sonnenallee und Landwehrkanal also, die von einigen heute auch als Kreuzkölln bezeichnet wird, und mit dem Fahrrad, das ich für diese Strecke benutzte, war ich kaum länger unterwegs gewesen, als zuvor in die Wiener Straße, wie ich zu meiner Überraschung feststellte.

Die Einrichtung dort war vergleichsweise neu und modern gewesen und man brauchte für die Benutzung der Waschmaschinen, Schleudern und Trockner auch keine Waschpoletten mehr zu kaufen. Gleich nebenan hatte es einen kleinen Laden und Kiosk gegeben, wo man gegebenenfalls auch Geld wechseln konnte, und schräg gegenüber davon einen Bäcker mit belegten Baguettes, knusprigen Croissants und frisch bereitetem Kaffee.

So hatte ich meinen wöchentlichen Weg schließlich als eine Art unvermeidbaren Preis zu betrachten begonnen, als Tribut an jene äußeren Umstände, um deren Koordinaten herum ich mein Leben geordnet und organisiert hatte und mit denen ich mich, meine eigene Existenz damals auf untrennbare Art und Weise verwoben sah.

Und zugleich hatte ich darin eine Art von Anknüpfung, von Reminiszenz an jene allererste Zeit in Berlin zu erkennen geglaubt, eine Zeit, in der ich damals ebenfalls ja eine Weile lang in Neukölln gewohnt hatte. . .

Doch auch dieser Waschsalon sollte nach einiger Zeit schließen, infolge einer Insolvenz seines Betreibers und zunächst nur vorüber gehend, wie ein Schild dort im Schaufenster verkündete. Ob, und falls ja aber, wann dort einmal wieder geöffnet sein würde, war damals unklar gewesen.

So musste ich meine Suche von Neuem beginnen.

Weder dort, in Neukölln, noch in einem der anderen Waschsalons aber hatte sich bislang eines jener schicksalhaften Zusammentreffen ereignet, deren Vorstellung zuweilen auch meine Phantasie bewegt hatte.

Inwieweit dieses Ausbleiben jedoch mit den jeweiligen Konstellationen zusammen hing, mit den konkreten Umständen, mit dem Fehlen geeigneter Situationen, Begegnungen und Momente, oder aber vielmehr in mir selbst, meiner unzureichenden Fähigkeit, solche Augenblicke zu erkennen seine Ursache hatte, wer weiß. . .

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2 Kommentare

  1. Beate
    Erstellt am 5. September 2009 um 15:39 | Permanent-Link

    Hallo Sebastian, ich finde, es gelingt dir wirklich sehr gut, soziale Wirklichkeit/soziale Räume zu zeigen und zu beleben und unerwartete Bezüge herzustellen. Ich freue mich darauf, wie es weiter geht, liebe grüße beate

  2. Erstellt am 10. September 2009 um 11:25 | Permanent-Link

    Ich bin völlig einverstanden mit Beate. Dein Werk ist echt meisterhaft. Bin gespannt auf den nächsten Teil. Gruß

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