Brennende Autos - Teil 6

Die politische, ökonomische und soziale Wirklichkeit, auf deren Boden man sich bewegt hatte, war jedoch weitaus vielschichtiger, als der Gruppe, so scheint es, bewusst gewesen war, die Zusammenhänge, wechselseitigen Abhängigkeiten und Verflechtungen darin zweifellos komplexer.

So war es letzten Endes wohl kaum vermeidbar gewesen, dass man sich dabei in der Widersprüchlichkeit der Verhältnisse selbst verfangen musste und zugleich mit den eigenen Verlautbarungen und Aktionen auch innerhalb der Szene isoliert blieb, statt wie angestrebt und erhofft Einzelkämpfertum und Vereinzelung zu überwinden.

Bei den Angriffen auf verschiedene Einrichtungen und Geschäfte waren seinerzeit dabei auch ein Kreuzberger Bioladen ins Visier von Klasse gegen Klasse geraten und ein Laden am Heinrichplatz, in dem Frauen selbst entworfene und genähte Kleidung zu verkaufen versucht hatten- nicht aber etwa ein nahe gelegenes Geschäft, in dem herkömmliche und in Massenproduktion gefertigte Jeans und T-Shirts verkauft worden waren.

War es demnach aus der damaligen “proletarischen” Perspektive der Gruppe heraus richtiger gewesen, Waren zu verkaufen, die zu Niedrigstlöhnen in den Ländern der Dritten Welt produziert worden waren - denn unter welchen Verhältnissen, welchen Zwängen und wo waren jene T-Shirts und Jeans zuvor hergestellt worden- als die selbst gefertigte Kleidung von Frauen, die versucht hatten, jenen hierzulande in Textilfabriken und Sweatshops herrschenden Produktionsbedingungen zu entkommen und stattdessen vielmehr selbstbestimmt zu arbeiten?

Und wie teuer durften Produkte, die aus biologischem Anbau, biologischer Herstellung stammten, sein? Wie hoch Einkünfte und Gehälter von Landwirten und Kooperativen, von Verkäuferinnen und Verkäufern in den Läden?

Hätte man im Interesse der “Klasse” also jene preiswerteren Pestizid gespritzten Gemüse dort verkaufen sollen, die von nordafrikanischen Tagelöhnern unter unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen in den Gewächshäusern Südspaniens geerntet worden waren?

Oder hatte es in ganz Kreuzberg an der Stelle von Bioläden stattdessen von vorneherein nur noch Aldi-Märkte geben sollen, Schlecker, Pennymarkt oder Plus?

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Anhang, Wandel und Gentrification und getagged , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Post a comment oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*