Sirenen Teil 5

„Vielleicht hättest du damals unten bleiben und nicht wieder auftauchen sollen“, sagt die Helltönende. „Ist dir hinterher nie der Gedanke gekommen, dass es ein Fehler war?“ Und als ich darauf nichts erwidere, fährt die Überredende fort: „Wirklich ist nur, was vor und was hinter uns liegt, was Geschichte geworden ist oder Geschichte sein wird. Die Gegenwart und ein Leben darin sind nur eine Fiktion . . .“

„Eine bloße Vermutung“, stimmt die Sanfte ihr zu. „Schau nur auf den Sekundenzeiger deiner Uhr und dann sag mir, wann jetzt und was Gegenwart ist . . .“

Die Gedanken in mir gleiten ab, wandern weiter. Ich erinnere mich daran, wie ich bei meiner letzten Reise im vergangenen November nach meiner Ankunft im Hotel aus dem Fenster meines Zimmers hinaus aufs Meer geblickt und dabei das Gefühl gehabt hatte, dass die Zeit, dass das halbe Jahr seit meinem letzten Aufenthalt dort, nur eine Art langer Pause gewesen war.

Die Zwischenzeit indes, angefüllt mit alltäglichen Arbeiten, Dingen und Erfordernissen deren Notwendigkeit und Sinn für mich außer Frage gestanden hatten, aber die zugleich, wie ich damals empfand, und auch jetzt, ebenso gut wie ich, jemand anderes an meiner Stelle hätte tun und erledigen können, während ich dabei meine eigentliche Aufgabe und Mission aus den Augen verloren hatte, worin immer auch diese bestehen mochte.

Zugleich jedoch war mir bewusst gewesen, dass auch dieses Gefühl, dass auch dieser Moment nicht neu und noch keineswegs der Beginn von etwas anderem und Neuem gewesen war, sondern allenfalls ein vergangener, zwischenzeitig verloren gegangener und nun wiedergefundener Ausgangspunkt . . .

„Du bewegst dich im Kreis“, spricht die Sanfte zu mir, ohne Ungeduld aber mit leisem Vorwurf, und spricht aus, was ich selber gedacht habe, weiß. „Warum machst du dir alles so schwer, wo die Lösung so einfach ist?“, mahnt mich die Überredende.

Die Helltönende aber sagt mit klingender Stimme: „Vielleicht bist du ja gar nicht aufgetaucht damals, sondern unten geblieben auf dem Meeresgrund und hast alles das, was danach geschah, nur geträumt . . .“

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Ein Kommentar

  1. Jacqueline N.
    Erstellt am 15. Januar 2017 um 15:48 | Permanent-Link

    Hallo Sebastian,
    die Geschichte entwickelt sich sehr spannend und so langsam schließt sich ja nun auch der Kreis. Sie lässt viel Spielraum zum Philosophieren und könnte, je nachdem , welchen Weg du deinen Helden gehen lässt, gleichzeitig ein Infragestellen unseres täglichen Seins auf dieser Erde zur Diskussion stellen. Ich bin auf die Fortsetzung gespannt.
    Grüße,
    Jacqueline

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