Wrangelstraße - Fortsetzung Teil 6

Martin hatte einmal gesagt, dass die Wrangelstraße damals bei seiner Ankunft in Berlin, also Mitte der achtziger Jahre, die hässlichste Straße gewesen sei, die er selber bis dahin gesehen hatte.

Ich aber habe sie, soweit ich mich entsinnen kann, nie so wahrgenommen und empfunden, oder sagen wir vielleicht besser so: nie in jenen Kategorien zu fassen vermocht, auch seinerzeit nicht- vielleicht weil diese beiden entgegen gesetzten Pole, das Schöne und das Hässliche also, das Alltägliche und das Einzigartige dort am Rande der Welt näher beieinander gelegen hatten als anderswo und in ganz eigener Dialekt versöhnt und dabei auf untrennbare Art und Weise miteinander verbunden gewesen waren. . .

Zweifellos aber wirken die Gebäude zu beiden Seiten der Straße ungeachtet ihrer längst sanierten neu verputzten Fassaden auch heute noch eher schmucklos und im Januarlicht manchmal trist, wie in trüben und schmutzigen Dunst, ein besonderes und ganz eigenes mir aus früherer Zeit noch vertraut scheinendes Grau getaucht, obwohl längst niemand mehr seine Wohnung dort im Winter mit Kohle beheizt. . .

Anfang, Mitte der Achtziger aber waren Außenwände und Fenster der Häuserfronten meist schadhaft gewesen und durch die Löcher und klaffenden Lücken im Putz hatte man bis auf das Mauerwerk blicken können, auf die offen liegenden Ziegel.

Die Wohnungen im Inneren der Häuser indes waren auch in den Vorderhäusern manchmal klein und beengt und verfügten dabei über kein eigenes Bad, sodass die Menschen dort Schrankduschen oder manchmal auch Schrankbadewannen in ihren Küchen aufgestellt hatten, deren Wasser in zuvor wohl berechnetem Vorlauf der Zeit zunächst in einem elektrischen Boiler erhitzt werden und zum Abfließen wie bei einer Waschmaschine anschließend wieder abgepumpt und über einen Schlauch ins Waschbecken abgeleitet werden musste.

In den Seitenflügeln und Hinterhäusern aber gab es mancherorts im Kiez noch Außentoiletten, die sich mitunter auf halber Treppenhöhe im Treppenhaus befanden, und die sich dabei mehrere Mietparteien hatten teilen müssen.

Und in den Wohnungen selbst, die nur aus einer Küche und aus einem mit Ofen beheizten Zimmer bestanden, hatten keineswegs nur einzelne Personen oder Paare gelebt, sondern mitunter auch ganze Familien und sich den knappen Raum dort geteilt.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Dritter Teil und getagged , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Post a comment oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Trackback

  1. [...] 2009 arbeitet Sebastian Kraus an seinem Blogroman Wrangelstraße. Im aktuellen Kapitelabsatz „Wrangelstraße – Fortsetzung Teil 6“ liefert er eine schöne Beschreibung der Straße in den 1980er Jahren. Da viele Wohnungen damals [...]

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*